Am Landestheater Tübingen (LTT) läuft seit Mai 2016 ein besonderes Projekt: Mit der THEATERWERKSTATT SCHWÄBISCHE ALB entstehen partizipative Kunstprojekte auf dem Land, gefördert im Rahmen des Programms „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ der Kulturstiftung des Bundes und dem Land Baden-Württemberg. Ab November 2016 recherchierte ein junges Künstlerteam für die THEATERWERKSTATT in Winterlingen bei Albstadt. In Kooperation mit der dortigen Kleinkunstbühne K3 veröffentlichten sie im März 2017 ein „dokumentarisches Stationentheater“ und führten die „Schule der Sehnsüchte“ in der Winterlinger Begegnungsstätte auf.

Jeffrey Döring war der Künstlerische Leiter des Projekts. Zusammen mit Sven Hartlep, Hannah Ebenau und Nils Malten recherchierte er zum Thema „Heimat / Weggehen / Ankommen“ und traf viele Winterlinger*innen mit unterschiedlichen Migrationsbiografien zum Interview. Dabei stand eine Frage im Zentrum: „Muss ich Heimat ganz neu denken, wenn ich unterwegs bin? Was passiert, wenn Menschen an einem neuen Ort angekommen sind, fremd sind und sich dann irgendwie einfinden müssen? Welche Techniken entwickeln sie?“ Über das „Erlernen müssen“ einer neuen Heimat kam das Team zu der Idee, eine „Schule“ als Stationentheater zu inszenieren. Das Publikum ging wie eine Schulklasse von einem Raum zum nächsten und traf in jedem „Klassenzimmer“ auf eine neue Person aus Winterlingen, die ihre Geschichte erzählte. „Da ist zum Beispiel ein Mann, der Uhren repariert und dabei berichtet, wie er als Kind aus der DDR geflohen ist. Oder ein Familienvater, der gemeinsam mit dem Publikum traditionelles syrisches Brot backen wird. Wir haben die Räume jeweils passend zu den einzelnen Geschichten gestaltet“, beschrieb Jeffrey Döring. In einem der Räume standen 400 Luftballons für den unvergleichlichen blauen Himmel über Harthausen. Auch Jugendliche waren an dem Projekt beteiligt sowie der Chor cantus iuvenis und der Schauspieler Nils Malten.

Jeffrey Döring wollte mit der Idee der Schule auch eine bestimmte Vorstellung des Lernens hinterfragen: „In unserer Gesellschaft herrscht die Einstellung, wir müssen den Geflüchteten oder Migranten etwas beibringen, unsere Sprache und Kultur, unsere Werte – und sie müssen in die unterlegene Haltung des Lernenden gehen. Wir haben das umgedreht: Die, die sonst die Lernenden sind, sind dieses Mal die Lehrenden und erzählen dem Publikum, wie sie sich eine neue Heimat angeeignet haben.“ Als Regisseur war das Projekt für ihn eine besondere Erfahrung. „Die meisten Mitwirkenden sind keine professionellen Schauspieler und wir entwickeln auch keine Rollen oder arbeiten mit einem fertigen Stücktext, sondern haben Menschen aus Winterlingen und Harthausen eingeladen, aus ihren Biografien zu erzählen und als sie selbst aufzutreten. Sie können sich also nicht hinter einer Maske verstecken und teilen auch schmerzliche Erfahrungen mit dem Publikum. Das bedeutet auch, dass die Arbeitsebene und die persönliche Ebene manchmal verschwimmen, was anstrengend sein kann, aber auch sehr schön. Ich glaube, dadurch lerne ich persönlich viel mehr als bei anderen Theaterprojekten.“ Bei den Aufführungen wurden besondere Geschichten erzählt, die man im Alltag eher nicht erfährt. Es ging aber auch um die Gemeinschaft im Ort: „Man hat die Möglichkeit, in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen und ich glaube, das ist sehr wichtig. Ich möchte zeigen, dass es nicht darum geht, sich einzuigeln, sondern sich offen zu zeigen für neue Impulse und darin eine Heimat zu finden.“